Die Fiktion des Faktischen

Warum wir nie wissen werden, wie es wirklich war.


Wir werden nie wissen, wie es wirklich war. Für das zeitlich und kulturell weit entfernte Mittelalter scheint das verständlich; zu wenige Information haben bis in das 21. Jahrhundert überlebt. Aber auch Ereignisse in der Neuesten Geschichte bleiben erstaunlich uneindeutig. Für nichts in der Vergangenheit hat die Geschichtswissenschaft ausreichend Hilfsmittel um nachzuzeichnen, wie es wirklich war. Es bleibt bekanntlich alles relativ.

Der Untersuchungsgegenstand der Geschichte sind Quellen. Diese können unterschiedlichste Formen annehmen; von Bildern und Texten über Ton- und Videoaufnahmen bis hin zu Steinresten und dem Inhalt einer Sickergrube.

Die Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist es Fragen an diese Quellen zu stellen und Interpretationsansätze zu formulieren mit dem Zweck, die Vergangenheit besser zu verstehen.

Wäre es dann nicht mit jeder neuen Erkenntnis doch eines Tages möglich herauszufinden, wie es wirklich war?

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 wurde die Berliner Mauer geöffnet. Ein Bild (eine Quelle) zeigt viele Menschen, die, mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund, vor und auf der Mauer stehen. Dieses Bild ist eine Repräsentation der Wirklichkeit. Der Fotograf richtet seine Linse auf ein bestimmten Teil der wahrgenommen Realität und vollzieht damit ein Werturteil - er hätte auch etwas anderes fotografieren können. All die Lebenserfahrungen, Vorurteile, Ausbildungen und externen Einflüsse bewegten den Fotografen dazu, sich für dieses Bild zu entscheiden. Ob gewollt oder nicht, jede Momentaufnahme (Foto, Tagebucheintrag, Bildnis etc.) ist automatisch ein Werturteil.

Einem solchen Werturteil (dem Bild von Menschen auf der Berliner Mauer im November 1989) sieht sich nun der Historiker gegenüber, selbst geplagt von den Einflüssen, Vorurteilen und Lebenserfahrungen seines oder ihres Lebens.

Alles was der Historiker noch hinzufügen kann, ist ein neues Werturteil. Gut begründet und hoffentlich nachvollziehbar, aber dennoch durchzogen von individuellen Einflüssen, die zu weiten Teilen außerhalb des eigenen Machtbereichs liegen.

Keine noch so gut recherchierte Studie kann die Vergangenheit so abbilden, wie sie wirklich gewesen ist.



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