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Der Supertuck und die Notbremse

  1. Das Aussehen von Gefahr
  2. Kaum Beweise - weitreichende Maßnahmen
  3. Erlebte und präsentierte Wirklichkeit
  4. Die Kosten-Frage


Das Aussehen von Gefahr

Der 01. April 2021 hätte nicht besser in die Corona-Zeit’ passen können. An diesem ansonsten recht ereignislosen Donnerstag traten neue Sicherheitsverordnungen der UCI (Internationaler Radsport-Verband) in Kraft, die unter anderem eine spezielle Position, den Supertuck, verboten.

Der Supertuck ist eine Sitzposition die Rennradprofis nutzen um in Abfahrten eine noch aerodynamischere Position einnehmen zu können. Während die faktischen Vorteile dieser Taktik umstritten sind, konnte Chris Froome, der viermaliger Sieger der Tour de France, mit dem Supertuck nicht unerhebliche Vorsprünge herausfahren.

Warum wurde der Supertuck verboten? Die Begründung von der UCI ist hier eindeutig: rider safety. Studien oder Daten, die diese Begründungen belegen, bleibt die UCI schuldig. Immerhin: Im Dienste der Sicherheit.

Kaum Beweise - weitreichende Maßnahmen

Ähnlich wie die Entscheidung der UCI scheinen auch Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 von einer ganzen Reihe von Supertuck-Entscheidungen’ durchzogen zu sein. Die Parallelen liegen auf der Hand.

  1. Natürlich ist es gefährlich auf dem Oberrohr mit 80-100 km/h den Berg auf 23mm breiten Reifen herunterzufahren. Das Covid-19 Virus ist gefährlich, für einige Menschen sogar tödlich.

  2. Auch die Maßnahmen zur Eindämmung der beiden - sehr unterschiedlichen - Gefahren wird ähnlich gehandhabt. Supertuck-Positionen sehen gefährlich aus. In den letzen 1,5 Jahren sind viele Radprofis im Supertuck die Berghänge herunter geschossen; einen auf den Supertuck zurückführbaren Sturz gab es dabei nicht. Trotzdem sah sich die UCI in der Pflicht den Supertuck im Namen der rider saftey zu verbieten. In ähnlicher Weise wurde auch in Bezug auf das Covid-19 Virus das Erscheinungsbild der Gefahr, nachdem der erste Schock und die Unsicherheit überstanden waren, zum alles entscheidenden Faktor für die Maßnahmenpolitik der Bundesregierung.

Wenn Maßnahmen an beeinflussbare Größen, wie dem Inzidenzwert festgemacht werden, wenn handfeste Beweise fehlen um die weitreichende Eingriffe in die Freiheitsrechte der Menschen (Bewegungsfreiheit, Versammlungsfreiheit etc.) zu erklären, sondern nach dem Diktum das sieht aber gefährlich aus” beschlossen werden, dann haben wir einen Supertuck-Moment’: erlebte und präsentierte Wirklichkeit decken sich nicht.

Erlebte und präsentierte Wirklichkeit

Subjektive und dargestellte Realität sind nicht immer deckungsgleich. Wenn aber die erlebte Wirklichkeit (Supertuck ist nicht gefährlicher als normale Abfahrten) und die präsentierte Wirklichkeit (Supertuck muss aus Sicherheitsgründen verboten werden) nicht einmal im Ansatz in Einklang zu bringen sind, lohnt es sich genauer hinzusehen.

Ein reflektierter und ausreichend sozialisierter Mensch sucht zunächst den Ursprung der Dissonanz bei sich selbst. Hatte ich immer nur Glück? Habe ich einfach nie einen verheerenden Supertuck-Sturz gesehen hat? Oder parallel dazu: Hatte ich einfach nur Glück, dass sich in meinem Umfeld keine schweren Krankheitsverläufe zu erkennen gaben? Da diese Erklärung nach über einem Jahr sehr unwahrscheinlich erscheint, muss nach einer zweiten Möglichkeit gefragt werden, deren Implikationen sehr beunruhigend wären: Ist die Diskrepanz zwischen der erlebten und dargestellten Wirklichkeit in Bezug auf die Maßnahmenpolitik auf willkürliche anmutende Entscheidungen im Namen der Bevölkerungssicherheit zu schieben?

Neben all den Unstimmigkeiten, die es im Bezug auf die Maßnahmen für die Eindämmung des Covid-19 Virus in der Bundesrepublik gibt (Unsicherheiten PCR- Test, Sterben mit oder an Covid-19, Deklarierung des Inzidenzwert als unbeeinflussbarer Wert), sollte die Frage nach den Kosten und Nutzen immer mehr in den Mittelpunkt der politischen Überlegungen rücken.

Die Kosten-Frage

Die Umsetzung der neuen Sicherheitsmaßnahmen der UCI sind für Chris Froome mit geringem Aufwand verbunden: ein wenig Umgewöhnung, ein paar Sekunden Zeitverlust in der Abfahrt. Natürlich könnte man sagen, er soll sich mit der neuen Situation - der etwas eingeschränkten Freiheit- abfinden. Schließlich bringt er durch seine gefährliche Fahrt nicht nur sich, sondern potentiell auch andere in Gefahr. Oder nicht? Studien und Zahlen, die belegen, dass das Verbot der Supertuck-Position die Sicherheit der Radfahrer erhöht, liegen nicht vor. Warum also dann die Maßnahmen beschließen?

Egal ob Maßnahmen nur zu dem Schutz von wenigen Radprofis oder einer ganzen Bevölkerung gedacht sind: politische Entscheidungen müssen auf konkreten, nachprüfbaren und möglichst sicheren Fakten beruhen, der Anschein von Effektivität, gekoppelt an beeinflussbare Größen, wie den Inzidenzwert, reichen dabei nicht aus.

Ist für die Kinder und Jugendlichen, die ein Jahr verloren haben oder die Restaurantbesitzer, die nach verzögerten oder nicht erhaltenen Corona-Hilfen nicht wissen, ob sie ihr Geschäft wieder öffnen können, der Preis für eine Maßnahme, die lediglich den Anschein von Sicherheit hat, gerechtfertigt?

2020 war ein Jahr voller Supertuck-Momente’. Und es geht immer weiter. Die vermeidliche Sicherheit der Bevölkerung wird als Anlass für alle Maßnahmenpakete (z.B. Notbremse) angebracht; handfeste Beweise für deren Effektivität gibt es hingegen nur äußerst selten. Zudem scheinen die Folgen (psychische, ökonomische, soziale Schäden) solcher Pakete nicht in die Rechnung mit einzufließen.

So wird die Corona-Krise zur Maßnahmenkrise. Der Preis für das Mitmachen ist zu hoch.


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