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Die einzige Konstante des Lebens

Die einzige Konstante des Lebens ist das Leiden.

Diese Aussage kann doch nicht stimmen… oder? Das war zumindest meine Reaktion, als ich sie zum ersten Mal gehört habe.

Ob es nun stimmt oder nicht, ist weniger wichtig als die eigentliche Intention die hinter diesem Gedanken steht, nämlich nach der Frage woran man sich im Leben orientieren kann. Oder eben: Was ist der Sinn des Lebens - Die Frage, die sich schon alle Menschen mindestens einmal gestellt haben. Denn jeder Mensch wird durch sich selbst oder durch anderen unweigerlich mit dieser tiefen psychologischen und/oder religiösen Frage konfrontiert.

Obwohl sich jeder schon einmal diese Frage gestellt hat, heißt das nicht notwendigerweise, dass jeder schon versucht hat diese Frage zu beantworten. Denn um der ehrlichen Beantwortung dieser Frage zu entkommen gibt es zahlreiche Umwege und Abkürzungen.

Ein Beispiel für so ein Schleichweg ist zu behaupten, dass es keinen intrinsiche Sinn des Lebens gibt.

Möchte man dieser These konsequent folgen, dann könnte man mit seinem Leben das tun und lassen was man will. Gravierende (moralische) Folgen für sich und andere sind damit logischerweise nicht zu erwarten.

Religionskritische Philosophen, wie Friedrich Nietzsche, versuchen die Suche nach einem Sinn des Lebens alleinig damit zu erklären, dass der Mensch ein Bedürfnis nach metaphysischer Bedeutung hat. Religion und religiöse Fragen (z.B. über den Sinn des Lebens) seien daraufhin lediglich ein Versuch dem Leben künstlich einen Sinn zuzuschreiben, der das menschliche Verlangen nach metaphysischen Erklärungen befriedigen soll.

Aber genug von den Umwegen und hin zur viel wertvolleren Suche nach dem direkten Weg.

Genau so viele Erklärungen, wie es für ein Sinn-freies Leben gibt, gibt es auch für die Erklärung für den Sinn des Lebens.

Nun ist es vielleicht erstmal einfacher meine Gedanken zu dem Thema aufzuschreiben, was nicht der Sinn des Lebens ist.

Der Sinn des Lebens ist es weder Spaß zu haben, unbesorgt und immer glücklich zu sein, noch das Leiden1 abzuschaffen zu wollen.

Was meint aber der altertümliche Prophet Nephi wenn er sagt:

Adam fiel, dass Menschen sein können und Menschen sind, damit sie Freude haben können (2. Nephi 2:25)

Freude wird in unserem Sprachgebrauch oft mit Spaß gleich gesetzt, sodass die Bedeutung ungenau und verwaschen erscheint. Aber was genau bringt dann wahre Freude?

Obwohl diese Antwort sicherlich unterschiedlich für viele Menschen sein kann, gibt es Übereinstimmungen. Ich möchte sogar behaupten, dass sie allgemeingültig sind.

Freude wird dadurch geschaffen, indem man seinem Leben, mit all seinem Schwächen und Unzulänglichkeiten, mit allem Glück und allem Leiden, was man erfährt, Bedeutung (eng. meaning) gibt. Die Quelle der Bedeutung die wir unserem Leben geben kommt aus unterschiedlichen Quellen. Generell kann man behaupten, dass die Sinnhaftigkeit des Lebens durch die Übernahme von Verantwortung für unser eigenes Leben und das unsere Mitmenschen generiert wird.

Was hat nun die Übernahme von Verantwortung mit dem eingangs postulierten Satz (“Das Leiden ist die einzige Konstante des Lebens”) zu tun?

Das Leiden in all seinen Facetten ist der normative Zustand des Lebens für die meisten Menschen.

Dies ist auch die Position der Christenheit der letzen 2000 Jahre. Das Leiden ist der weltliche Zustand mit Ausblick auf die Heilung der Wunden im Jenseits.

Ob wir an diesen religiösen Ansatz glauben oder nicht, ist erst einmal für die Realität” des Lebens unerheblich. Denn das Prinzip bleibt das gleiche: Wir Menschen scheinen nahezu unendliches Potential dafür zu haben uns gegenseitig das Leben unerträglich zu machen. Das hat das 20. Jahrhundert mit Stalin, Mao und Hitler deutlich bewiesen.

Was tun wir dagegen? Ist es denn schlimm, dass die Konstante des Lebens das Leiden zu sein scheint? Nein, ich denke nicht. Und genau da kommen die beiden Gedanken über den Sinn und der einzigen Konstante des Lebens zusammen. Denn wir Menschen haben auch das Potential uns das Leben gegenseitig zu versüßen und zu verbessern.

Dieses Potential kann aber nur dann ausgeschöpft werden, wenn wir die Verantwortung für unseren kleinen Bereich übernehmen und Wege finden, wie man unser eigenes Leben und das Leben der Menschen um uns ein bisschen weniger leidenserfüllt oder gar deutlich besser machen zu können.

Vielleicht kann das der Gedanke für diese Woche sein. Die Übernahme von Verantwortung im Angesicht von Leiden ist der Sinn des Lebens.


Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt diesen Text zu lesen. Meine Gedanken haben sich im Laufe des Schreibprozesses deutlich weiter entwickelt. Ich möchte gerne das Recht beanspruchen meine Meinung über dieses (und alle anderen) Themen zu ändern. Hoffentlich auch durch eure Rückmeldungen.


  1. Das Leiden an sich ist ein unglaublich komplexes Wort. Es zu definieren könnte Seiten füllen. Hier soll das Wort hauptsächlich darstellen, dass das Leben oft von Schwierigkeiten und Herausforderungen geprägt ist.


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