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Uns geht es zu gut

Doch, ich glaube das stimmt. Lasst euch kurz auf den Gedanken ein; vielleicht geht es uns wirklich zu gut’.

Heute morgen stand ich an einem Fenster im 4. Stock des KG I der Uni Freiburg; die kleine Bibliothek der Kanonistik, müffelnd, klein und vollgestellt hinter mir.

Während in einer kleinen Pause wirre Gedanken an das Konzil von Trient, Luther, Krieg und an die geschickte Diplomatie Karls V. durch meinem Kopf schwirrten, beobachtete ich die sich füllenden Straßen vor dem Gebäude. Unter mir, und über den beiden Statuen von Homer und Aristoteles, sah ich in der roten Steinmauer Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg. Diese Reliquien einer uns unvorstellbaren Zeit sind mir schon oft aufgefallen. Heute waren sie allerdings mehr als nur eine Erinnerung an eine mir fremde Vergangenheit. Heute waren sie Mahnmahle.

Als ich dort stand, die reflektierenden Glas-UB schräg gegenüber, welche als Symbol für den Wohlstand unserer Nation stehen könnte, war mir als würden mich diese Einschusslöcher auffordern nachzudenken. Was tue ich, um den Frieden und den Wohlstand, mit welchem wir gesegnet sind zu festigen. Vielleicht nehmen wir alles zu selbstverständlich. Vielleicht geht es uns zu gut?

Kann ich überhaupt verstehen, was im 20. Jahrhundert passiert ist? Stalin, Mao und Hitler. Die Abermillonen Tote, mehr verwundete und noch mehr traumatisierte Menschen. Und dort, in der Wand, waren sie, die Einschusslöcher, Symbole einer vergangenen Zeit.

Kann ich in einer Zeit, in der sprichwörtlich Milch und Honig fließt, so wenig Menschen wie noch nie in Armut leben, kaum noch Kinder und Mütter bei der Geburt sterben; kann ich in einer solchen Zeit die Segnungen überhaupt erfassen?

Ein Merkmal von Wohlstand ist die Neigung sich über immer nichtigere Dinge zu beschweren. Nach Problemen zu suchen, die es nicht gibt, und dann neue zu erschaffen. Auch diese menschliche Eigenschaft ist, wie viele andere auch, zunächst ein Schutzmechanismus, der uns dazu bringt Fortschitt zu machen. Selbstgefälligkeit führt zu Stagnation. Unzufriedenheit mit dem Status Quo und Drang nach Verbesserung bringt Fortschritt.

Weiterentwicklung ist unerlässlich. Wo progressive politische Kräfte dazu tendieren ein höheres Risiko einzugehen um Fortschritt herbeizuführen; so tendieren die konservativen zu stark an dem Status Quo festzuhalten. Ein Miteinander der Kräfte ist notwenig um diesen unerlässlichen Fortschritt zu erringen. Nicht soweit, dass das ganze System, dass uns Frieden und Wohlstand ermöglicht, niedergerissen wird, aber auch nicht zu wenig, dass sich nichts verbessern kann. Und ja, es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein erringen, und so sollte es auch sein. Ein dialektisches Ringen der Argumente. Ein Abwägen, Ringen, Beurteilen, Prüfen und Einschätzen.

Das war der Gedanke, der mich an diesem sonnigen Morgen packte und nicht mehr los lassen wollte: Vorsicht vor dem Stolz; Vorsicht vor der gesellschaftlichen Selbstgefälligkeit. Wir stehen wahrlich auf den Schultern von Riesen. Das zu vergessen, unsere Geschichte zu vergessen, das tun wir auf eigene Gefahr.

Nun halte ich wenig von der Vorstellung, dass eine Gesellschaft nur etwas in Erinnerung behalten’ muss, damit sich die Vergangenheit nicht wiederholt. Das ist eine zu einfache Vorstellung. Wie können wir etwas in Erinnerung behalten, was wir gar nicht richtig verstehen?

Noch wichtiger als das in Erinnerung behalten’ ist die Frage, welche persönliche Verantwortung der Einzelne übernehmen kann, damit sich der Horror des 20. Jahrhunderts nicht wiederholt. Nochmal: Was ist meine Verantwortung? Diese Frage ist so tief, dass ich noch keine Antwort darauf gefunden habe.

Doch eins weiß ich: die Einschusslöcher an der Uni in Freiburg sind als Mahnmahl verewigt; als Warnung an eine gesegnete Gesellschaft: Vorsicht vor dem Stolz den Wohlstand bringen kann.

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